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Ein Tag im Leben von Jürg Ott

Jürg Ott, passionierter Fahrer (aus einem Beschäftigungsprogramm) bei der Berner-Tafel, erzählt:
 
Mittwochmorgen 06.00 Uhr in Bern; es ist noch ruhig im Quartier. Die ersten Frühaufsteher stehen an der Bushaltestelle und frieren. Es ist kalt in Bern. Minus 9 Grad. Szenenwechsel. 06.14 Uhr in einer Wohnung im Quartier. Es ist noch ruhig im Haus. In der Wohnung hört man das beruhigende plätschern des Aquarium's. Die Fische sind zum Gegenteil ihres Besitzers schon munter. Dann, um 06.15 Uhr ein Getöse. Der Wecker klingelt...

Ich, mein Name ist Jürg Ott und ich bin Fahrer bei den Schweizer-Tafeln, schrecke hoch. Alarm, was ist los...? Ach ja der Wecker... So Jüre, dies ist mein Kosename, raus aus dem warmen Bett! Und nun geht es schnell. Vom Schlafzimmer ins Bad. Mann, was ist das für eine Krise, die mich anschaut? Huch das ist ja mein Spiegelbild... Vom Bad in die Küche. Brauche Input, sprich Cafe. Morgenessen dann unter die Dusche. Ahhhh, kalt. Nach dem Duschen in das Wohnzimmer. Fische füttern.
 
Und schon ist es 07.30 Uhr. Ich muss (darf) auf den Bock (Lieferwagen). Mann, ist das kalt draussen. Klar, die Scheiben vom Toyota Hiace Lieferwagen sind vereist. Ok, dann halt kratzen. Ich steige in den Lieferwagen und drehe denn Zündschlüssel auf ON. Zuerst vorglühen, da es ein Diesel ist. Ich drehe den Schlüssel weiter auf Start. Der Wagen vibriert. Der Diesel schnurrt. Mann, ich liebe "mein" Auto. Heizung voll auf warm, Laderraum-Kühlung einschalten, Licht an, Blinker und los geht's... Heute fahre ich die Seeland Tour und mein Lieferwagen hat das Kürzel LW 1. Ich hole um 08.00 Uhr meinen Kollegen beim Bahnhof Bern ab. Michel, so heisst er, kommt aus dem Kanton Fribourg und leistet den Zivildienst bei uns. Er ist wie immer pünktlich. "Morge Jüre, bisch fit?",begrüsst er mich mit seinem Friburger Dialekt.

Wir fahren los Richtung Coop Bethlehem, dem ersten Lebensmittelspender auf der Liste. Auf der Rampe im Untergeschoss stehen schon die Kisten mit den Lebenmitteln für uns bereit. Wir steigen aus und laden die leeren Kisten vom Vortag aus. "Morge zämä",werden wir vom Lagerist begrüsst. Mann kennt sich und sagt allen Du. Es folgt ein kurzes Gespräch mit dem Chauffeur vom COOP Lastwagen. Small Talk eben, da man sich ja kennt. Wir laden die Kisten in unseren gekühlten Lieferwagen. Heute sind es 9 Kisten mit Gemüse, Früchten, Brot und ein wenig Süsses. Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. Im Kühlraum darf die Temperatur nicht mehr als 5 Grad betragen. Weiter Richtung COOP Bümpliz. Ich fahre langsam über die im Boden eingelassene Kontaktschlaufe. Das Gelblicht blinkt und das Tor öffnet sich. Ich fahre hinein. Mist, alle Rampen besetzt. Ich fahre rückwärts vor den Lastwagen. "Chani gschnäu hie bliebe stah oder wosch grad use", frage ich den Chauffeur vom Lastwagen. "Nei, nei isch guet, i ha noni lähr", erwiedert er. Ich schaue schnell was für ein "Auto" er fährt. Einen Mercedes-Benz Actros. Toll. Ich bin halt Lastwagen Fan, weil ich früher auch Lastwagen gefahren bin.

Michel hat inzwischen bei der Rampe geläutet und uns angemeldet. "Ware kommt gleich", sagt er. Wir arbeiten nun schon etliche Wochen zusammen und sind ein eigespieltes Team. Hoppla es hat nur eine Kiste Brot heute. War auch schon mehr... "Aber immerhin sagte das Mäuschen, als es in die Aare pinkelte", erwiedere ich. Gelächter. Ok einladen und weiter geht's zum COOP.

Dort sehen wir jeden morgen zwei, drei Leute bei den Containern stehen und Bier trinken. Draussen bei dieser Kälte morgens um 08.45 Uhr... Ich fahre hinter das Gebäude zum Lieferanteneingang. Bei der Gegensprechanlage läute ich. Michel ist im warmen Auto geblieben. Es ist immer noch kalt. "Büro" tönt es aus dem Lautsprecher. "Guete Morge, Schwizer-Tafele",sage ich, "schicke öpper", tönt es zurück. 2 Minuten später kommt der Lagerist mit einem Rollwagen mit den Kisten. "Viele feine Sachen hat es heute", sagt er. Und tatsächlich: Gemüse, Früchte, Dessert, Auffschnitt, Käse und vieles mehr verschwindet im Bauch unseres Lieferwagens. Wir schauen schnell die Ablaufdaten an. Die Ware muss noch "im Datum" sein, wie wir sagen. Das heisst, sie darf nicht abgelaufen sein. Kommt selten vor, dass etwas abgelaufen ist. "Ok", sage ich und wuchte die Heckklappe zu, weiter geht's. Wir fahren nach Belp zum dortigen COOP. In Belp sehe ich 100 Meter vor uns einen Lastwagen fahren. "Du wirst wohl nicht...", denke ich. Doch er tut es... "Nein", rufe ich. Er will auch zum Coop. Die Strasse ist jetzt versperrt vom retour manövrierenden Lastwagen. Ich fahre an die Seite und Michel steigt aus, um die Lage zu sondieren. Inzwischen ist der Lastwagen in der grossen Halle, so dass ich ein gutes Stück näher an die Rampe fahren kann. Aussteigen. Michel und Herr Salzmann vom COOP kommen mir entgegen. "Eine Kiste mit Süssem",ruft Michel und ich öffne die Schiebetüre auf der Beifahrerseite. Einladen... und tschüss.

Auf der Fahrt in die Stadt hören wir auf Radio RABE das Quiz. Wir raten mit. Die Kozentration ist aber immer da. Im heutigen Strassenverkehr ist es nicht immer leicht. In der Stadt fahre ich den LOEB Lebensmittel an der Schauplatzgasse an. Wir sind nun im sogenannten "Nahkampfgebiet" der Stadt Bern. Ich erkämpfe mir einen Parkplatz vor dem Geschäft. Luxus pur. Michel steigt aus und holt die Ware. Ich bleibe im Auto und schaue in die Rückspiegel ob ich einen Wagen der "Rennleitung" (Polizei) sehe. Wir stehen im Halteverbot. Aber was solls, wir machen ja auch nur unseren Job. Im Notfall fahre ich halt weg. Heute kann ich aber stehen bleiben und Michel kommt mit einer Kiste daher. Einladen und weiter zum MIGROS Marktgasse. "Wir haben heute leider nichts", sagt der Lagerist an der Rampe vom MIGROS. Weiter zum ersten Lebensmittelabnehmer. Drogenanlaufstelle CONTACT an der Hodlerstrasse. Ilhan und Kibar vom Team erwarten uns schon. "Wollt ihr Cafe", fragt Ilhan. "Nein, sorry, keine zeit heute, wir haben noch Fahrersitzung", sage ich. Ilhan kommt mit den leeren Kisten vom Vortag. "Kann ich haben", sagt er und zeigt auf eine Kiste mit Gemüse. "Sorry Ilhan, wir können dir nicht die ganze Kiste geben, weil wir nicht so viel Gemüse haben", sagt Michel. Wir geben ihm noch Brot, Salat und ein wenig Käse und Aufschnitt. Ilhan bedankt sich und wir steigen wieder ins Auto. Es ist nun 09.50 Uhr und wir haben noch Zeit einen weiteren Abnehmer zu beliefern, da wir erst um ca 10.15 Uhr im Shoppyland sein müssen. Wir fahren nun zum Restaurant des Länggasse Treffs an den Lerchenweg. Dort essen viele Studenten von der Uni zu Mittag. Für 10 Fr. mit Salat, Dessert und Getränk. Ich parkiere vor dem "Ali Baba", so der Name des Restautants. Michel bleibt beim Wagen, um schon mal etwas Ware zusammenzustellen. Ich gehe mit dem Tourenplan ins Gebäude und werde mit einem grossen Hallo aus mehreren Kehlen begrüsst. Die Köchin unterschreibt auf dem Plan im Feld "Ali Baba". Sämtliche Abnehmer müssen unterschreiben, so dass unser Büro in Murten bei Unstimmigkeiten nachschauen kann. Zusammen mit der Köchin gehe ich nun zum Lieferwagen. Michel ist fast fertig mit zusammenstellen. Ich gebe noch eine halbe Kiste Brot heraus und schon ist der "Handel" abgeschlossen. Wieder im Auto trage ich noch die Lieferzeit und die Anzahl Kisten im Plan ein.

Nun geht's auf die Autobahn Richtung Schönbühl. Im Soppyland warten schon die Kollegen vom LW 2 der Oberland Tour. Wenig später trifft auch der LW 4 von Fribourg ein. Wir treffen uns jeden Morgen um ca 10.15 Uhr im Shoppy um Waren auszutauschen und die Ware vom MIGROS Shoppyland einzuladen. Leider hat es nur drei Kisten mit Salat und Gemüse. Da wir von allen am wenigsten Ware haben, nehmen wir die Kisten nach Absprache mit den anderen. Schon jetzt wird uns klar, dass die Ware nicht für alle Abnehmer reicht, und wir jemandem absagen müssen. Kommt selten vor. Nun trifft auch unser Chef, Manuel Loeliger, ein. Noch schnell den Wagen umparkieren und ab geht es an die Sitzung. Bei einem Kafi im MIGROS Restautant halten wir die Sitzung ab. Es gibt immer etliche News. Es ist mittlerweile 11 Uhr, als die Sitzung zu Ende geht. Ab in die Kälte zum Wagen. Unterwegs zum nächsten Kunden besprechen wir, wem wir absagen. Wir entscheiden uns für die Gassenküche in Biel. Michel ruft dort an, um es ihnen mitzuteilen.

Ich nehme nun die Ausfahrt Bern Bümpliz, um zum "Albatros" zu gelangen. Das ist eine betreute WG für Drogenabhängige. Die zuständige Person kommt zum Wagen und schaut, was sie brauchen könnte. Wir können alle Wünsche erfüllen und er zieht mit einer Kiste von dannen.

Der Nächste auf der Liste ist das CONTACT an der Güterstrasse. Ein Job-Projekt für Süchtige. Michel geht uns anmelden, wärend ich beim Wagen bleibe. Bruno, der Leiter, und Michel kommen zum Auto und die Ware, die er brauchen kann, wird ausgeladen. Unterschrift und weiter zur "La Prairie" an der Sulgeneckstrasse. Das ist ein offenes Haus, wo Randständige sich aufhalten können. Ich manövriere vorsichtig auf den Bürgersteig. Es liegt viel Schnee und unser Wagen mit Hinterrad-Antrieb verzeiht keinen groben Gasfuss. Michel geht die zuständige Person holen, während ich beim Auto bleibe. Es kommt des öftern vor, dass wir von Leuten angesprochen werden, welche um Lebensmittel betteln. Freundlich aber bestimmt sagen wir dann, dass wir nichts an einzelne Peronen abgeben dürfen. Darum bleibt auch immer eine Person beim Wagen. Inzwischen kommen die Leute von der Küche um ihre Wünsche zu äussern, welche wir gerne erfüllen. "Noch die Unterschrift bitte", sage ich und halte die Liste mit Kugelschreiber hin. "Äs längt no für's "Azzurro" vorem Mittag", sagt Michel. Das "Azzurro" am Lindenrain ist die Anlaufstelle des Blauen Kreuzes. Ich halte direkt vor dem Haus auf der Strasse. Warnblinker an. Kein Problem, denn die Strasse wird nicht viel befahren. Die anderen können auch mal warten. "Muss ich ja manchmal auch", sage ich mir. Profichauffeur Mentalität. Silvia kommt zum Wagen und schaut sich das Angebot an. Gemüse, Salat, Brot und Dessert bekommt sie. "So und nun weiter zum Mittagessen", sage ich. Das Mittagessen können wir im "Haus Felsenau" einnehmen.

Das Haus Felsenau ist eine grosse, betreute WG für Strafentlassene Drogenabhängige. Ich parkiere den Wagen und wir gehen mit einer halben Kiste Dessert ins Haus. In der Küche begrüsst uns Werner Löffel, der Koch von der Felsenau. Er und sein Team, bestehend aus vier Hausbewohnern/-innen sind mit dem anrichten beschäftigt. Wir gehen in den Speisesaal und setzen uns an den Teamtisch. Es gibt Salat, Käseschnitte und Dessert. Am Nachbartisch plagiert Rupi, ebenfalls ein Bewohner, dass der SCB doch noch Meister wird. Gelächter und Stimmen schallen durch den Saal. Wir fühlen uns sehr wohl in der Felsenau und geniessen das tägliche Mittagessen. Nach einem Kaffee gehen wir zum Wagen zurück, wo wir auf Werner Löffel warten. Dieser kommt nach wenigen Minuten und wir übergeben ihm zwei Kisten Brot. Die nächste und zugleich letzte Station für heute ist das Asylbewerber- Durchgangszentrum in Zollikofen. Ich biege ab in die Bernstrasse in Zollikofen und fahre quer zur Strasse um retour in die Einfahrt zu manövrieren. Spiegelfahren sagt man dem. Ich sehe ja nicht hinten raus und habe nur die Rückspiegel als Hilfe. Übung macht den Meister... Wir werden freudig begrüsst von den Kindern, welche hier wohnen. Betreuer kommen und nehmen die Ware dankbar entgegen. Noch die leeren Kisten einladen und dann fahre ich noch Michel zum Bahnhof. Unterwegs sehe ich auf die Uhr es ist 13.25 Uhr. "Den Zug wirst Du wohl nicht mehr erwischen", sage ich zu Michel. "Kein Problem", sagt er.(Es hat noch gelangt) Am Bahnhof springt er aus dem Wagen und rennt los... Ich fahre heimwärts und entscheide mich unterwegs noch den Wagen zu waschen. Um 14.30 Uhr parkiere ich vor dem Haus und ordne noch die Tourenpläne. Ich steige aus und schliesse den Wagen ab. Gajia, die Katze von meiner Nachbarin begrüsst mich miauend. Ich streichle sie, dann kricht sie unter den Wagen an die Wärme. "Früh Feierabend", ruft der Nachbar aus dem Garten. "Ja", sage ich, "ist aber nicht immer so". Bis morgen LW 1...

Februar 2005


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Last Update: 29.09.09 14:09 by webac